Die derzeit 38 Innovationsfondsprojekte agieren innerhalb fünf Handlungsfelder - Politische Bildung ist eines davon. Die neun Projekte werden fachlich begleitet von der Transferstelle politische Bildung, ein Fachbereich von Transfer für Bildung e.V.  


Herausforderungen für die politische Bildung
Der 15. Kinder- und Jugendbericht greift an mehreren Stellen das Thema politische Bildung auf und unterstreicht, dass es einer "ernsthaften wie nachhaltigen,
[…] verstärkten politischen Bildung"​1 im Jugendalter bedarf. Der Bericht Der Bericht und herausfordernde gesellschaftspolitische Entwicklungen, wie ansteigender Rechtspopulismus, Radikalisierung rechtsextremer Gruppen und Personen, Zuwanderung und das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung sowie eine zunehmende Distanz gegenüber dem demokratischen System, befördern die Debatte um politische Bildung und betonen deren Bedeutung für junge Menschen. „Demokratie ergibt sich nicht naturwüchsig“ (Habermas), sondern muss gelernt werden. Die geförderten Projekte im Handlungsfeld Politische Bildung stellen sich dieser Herausforderung durch unterschiedliche Projektvorhaben.

Eine große Rolle spielt der reflexive Umgang mit eigenen und fremden Werten, wie z. B. bei den Projekt „We are the world – Workshops für und von Jugendlichen zu Vielfalt, Respekt und Partizipation“ (Träger: Netzwerk interkulturelle Arbeit Mutpol e.V.); „My Parti-Klick“ (Träger ist die türkische Gemeinde Baden-Württemberg e. V.) oder „Meine Stadt – meine Identität“ (Träger: Verband für interkulturelle Arbeit e.V. in Duisburg). Bei diesen genannten Projekten steht besonders die interkulturelle als auch die interreligiöse Bildung im Fokus.

Drei weitere Projekte regen über die Auseinandersetzung mit politischen Themen Wertebildungsprozesse an. Diese lauten „Qualifizierung junger Geflüchteter und Deutscher als Trainer*innen für einen bundesweit abrufbaren Trainer*innenpool“ (Träger: Stiftung Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte in Weimar); „Meine, deine, unsere Stadt – eine Topographie des Heimatbegriffs“ (Träger: Haus Neuland in Bielefeld) sowie „Lebenswege – Heimat neu gedacht“ (Träger: Bund der Deutschen Katholischen Jugend Diözesanverband Berlin e. V.).

Eine zentrale Rolle politischer Partizipation spielt die Sprache, die diskursive Aushandlung und Auseinandersetzung sowie ein Begreifen von Mehrsprachigkeit als Ressource. Dies wird besonders in den zwei Projekten „Vorsicht, Demokratie!“ (Träger: Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung Thüringen (LKJ Thüringen) e. V.) und „Kannste mal schnell übersetzen – hier gibt's schon wieder Stress!?“ (Träger: Friedenskreis Halle e.V.)

 

Politische Bildung als Auftrag der Jugendarbeit
Die Förderung von Selbstbestimmung und gesellschaftlich-demokratischem Engagement gehört zu den grundsätzlichen Aufgaben der Kinder- und Jugendarbeit und der politischen Jugendbildung. Diesen Auftrag leitet Sturzenhecker (2013) aus dem § 11 SGB VIII  ab: „Ziel von Jugendarbeit ist also, dass sich Kinder und Jugendliche als Subjekte (Selbstbestimmung) politischen Handelns (gesell. Mitverantwortung) erfahren und sich politisch-demokratisches Handeln, Mitentscheiden und Mitverantworten aneignen“ (ebd., S. 439)2. Politische Bildungsmöglichkeiten eröffnen sich für Kinder und Jugendliche über deren meist lebensweltlich motivierten Fragen nach Werten des Zusammenlebens, nach ihrer eigenen Position in der Welt sowie nach allgemeinverbindlichen Grundsätzen für eine Gesellschaft.
Während soziale Bildung das Verhältnis von Individuen zueinander thematisiert, geht die politische Bildung darüber hinaus und untersucht das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und der Legitimation gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen. Auch Macht- und Herrschaftsverhältnisse werden dabei kritisch beleuchtet. Ob eine Reflektion von Werten als politische Bildung zu bezeichnen ist, entscheidet sich daran, mit welcher Reichweite und gesellschaftlicher Verbindlichkeit diese diskutiert werden. 

 

„ENE MENE MUH … und raus bist DU!“ – Ein interaktives Lernspiel zu Flucht und Asyl mit vertauschten Welten
„ENE MENE MUH … und raus bist DU!“ lautet der Name des interaktiven Lernspiels zu den Themen Flucht und Asyl in Deutschland, welches das Projekt „Weltentausch“ für den Einsatz im Bereich der politischen Bildung entwickelt hat. „Weltentausch“ ist ein Innovationsfonds-Projekt im Handlungsfeld Politische Bildung, angesiedelt beim Friedenskreis Halle e.V.3

Was genau sind die Inhalte und Bausteine eines interaktiven Lernspiels, welches den Spielerinnen und Spielern einen „Weltentausch“ ermöglicht, indem sie die Rolle und Perspektive einer Person im Asylsystem einnehmen, um mehr über ihre Lebenswirklichkeiten zu erfahren? Diese Frage beschäftigte die Projekteilnehmerinnen und Projektteilnehmer von 16 bis 27 Jahren, mit und ohne Fluchterfahrung, in der ersten Projektphase. In Form von Workshops und mit dem Einsatz von erlebnis- und theaterpädagogischen Mitteln wurde sich kreativ mit den Themen Flucht und Asyl, auch in Verbindung mit gesetzlichen Bestimmungen innerhalb Deutschlands, auseinandergesetzt – kritisch wurde ganz besonders der Alltag von Asylsuchenden reflektiert. Ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe und eine Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und Vorurteilen waren hierbei sehr zentral für die Gruppe.

Mit Hilfe von erfahrenen Spieldesignerinnen und Spieldesignern ging es der Projektgruppe im nächsten Schritt, um die Entwicklung des Planspiels, konkret um die Sammlung von Themen, Festlegung von ersten Stationen und das Füllen mit Inhalten, die Reflektion von Spielzugängen und nicht zuletzt um die Gestaltung . Hierbei brachten die jungen Geflüchteten ihre Erfahrungen aus ihrem Alltagsleben in Deutschland ein und schilderten auftretende Probleme.

Nach intensiver Arbeit war es dann soweit: das Projektteam präsentierte feierlich, glücklich und voller Stolz am 20. August 2018 das finale interaktive Lernspiel „ENE MENE MUH … und raus bist DU!“ im Stadthaus in Halle. Für die Gäste der Veranstaltung gab es nach der Vorstellung des Spiels die einmalige Gelegenheit, die Rolle einer von acht möglichen Spielfiguren anzunehmen, wobei das Herkunftsland, die Fluchtgründe nach Deutschland und die Biografien völlig verschieden angelegt sind. Die Spielteilnehmerinnen und Spielteilnehmer durchlaufen in ihrer Rolle als geflüchtete Person verschiedene Stationen, wie z. B. „Flucht“, „Grenze“, „Erstaufnahmeeinrichtung“ und „Asylbewerberunterkunft“, wobei sich schnell herausstellt, dass der Alltag in Deutschland stark von Behördengängen und der Abwicklung von organisatorischen Vorgängen geprägt ist, was besonders in der ersten Zeit aufgrund fehlender Sprachkenntnisse eine große Hürde darstellt. Die letzte Station des Planspiels ist die „Anhörung“. Hier wird darüber entschieden, ob den Personen in ihrer Rolle auf bestimmte oder unbestimmte Zeit Asyl in Deutschland gewährt wird oder die Abschiebung droht. Die Entscheidung über die Zukunft kann die verschiedensten Emotionen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auslösen. Deshalb ist es wichtig, dass sie nicht sich selbst überlassen bleiben. Es ist geplant, das Spiel zukünftig im Rahmen von politischer Bildungsarbeit schulisch und außerschulisch in Form von Workshops durch geschulte Teamerinnen und Teamer durchzuführen, vor- und nachzubereiten. Daher werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer professionell begleitet. Die Zielgruppe für die Workshops sind Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse, in Schulen oder anderen Einrichtungen, denen das Alltagsleben von Asylsuchenden veranschaulicht werden soll. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben, wie stark das Leben im Asylsystem von Willkür, Angst und zermürbendem Warten geprägt ist. Dadurch sollen die Unterschiede zwischen der eigenen Lebenswelt und dem Alltag von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern nachvollziehbar und erfahrbar gemacht werden. Teamerinnen und Teamer mit eigenen Fluchterfahrungen, die vorab in einer mehrmoduligen Schulung im Rahmen des Projekts ausgebildet wurden, vermitteln im Workshop eigene Erfahrungen der Flucht, ihres Alltags und über den Ablauf des Asylverfahrens. Nachdem die Gäste der Veranstaltung das interaktive Lernspiel getestet haben, wurde durchgängig positives Feedback an das Projektteam von „Weltentausch“ weitergegeben, das nun engagiert in die neue Projektphase startet.

Nun gilt es in den kommenden Monaten das Spiel im Kontext von politischer Bildungsarbeit in der Praxis zu erproben. Dies beinhaltet zum einen die Ausbildung junger Menschen mit und ohne Fluchthintergrund zu Teamerinnen und Teamern, welche dann die Workshops professionell leiten. Zum anderen werden derzeit parallel im Raum Sachsen / Sachsen-Anhalt die verschiedensten Einrichtungen angefragt, ob diese die Workshops in Kombination mit dem Planspiel aktiv für die politische Bildung einsetzen möchten. In der letzten Projektphase soll das Spiel auch bundesweit verbreitet werden. Interessierte Organisationen und Institutionen können sich hierzu gerne an den Friedenskreis Halle e.V., Ansprechpartnerin Frau Julia Wenger, wenden.

 

Politische Bildung für alle!
Die Projekte des Innovationsfonds im Handlungsfeld Politische Bildung docken an die Prinzipien der Jugendarbeit und die Bedarfe vor Ort an. So drückt der Satz eines Projektleiters - „Wer da ist, ist da“ - sehr gut aus, dass die Beteiligung bzw. Nicht-Teilnahme an politischen Bildungsangeboten von bestimmten Gruppen nicht grundsätzlich schlechter oder besser zu werten ist. Trotzdem haben sich einige Innovationsfondsprojekte zum Ziel gemacht, insbesondere Jugendliche mit Fluchterfahrung anzusprechen.4 Über die Hälfte der Asylbewerberinnen und Asylbewerber in Deutschland sind unter 30 Jahre alt. Somit ist allein die Anzahl von Geflüchteten für die Konzipierung von Angeboten relevant. Um dem Ziel der Förderung demokratischer Teilhabe nachzukommen, muss antizipiert werden, dass Jugendliche mit Fluchterfahrung in der Regel keine Vorstellung von politischer Bildung in Deutschland haben. Grundlegende freiheitliche Werte und demokratische Errungenschaften wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und eine individuelle Lebensführung sind ihnen ggf. neu. Eine gezielte Ansprache ist hier sinnvoll, um die Perspektiven, Interessen und Fragen junger Geflüchteter in die politische Bildungsarbeit aufzunehmen. Ganz besonders relevant ist dafür Beziehungsarbeit, um gegenseitige Anerkennung und Vertrauen sowie „sichere Räume“, in denen sich Gruppen bilden und austauschen können, zu schaffen.

Fußnoten:

1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin, online unter: 1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.) (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin, online unter: https://www.bmfsfj.de/blob/115438/d7ed644e1b7fac4f9266191459903c62/15-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf, S. 471. (Zugriff am 05.09.2018).
​2Sturzenhecker, B. (2013): Politische Bildung konkret, in: Deinet, U. /Sturzenhecker, B. (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien Wiesbaden
​3Mehr über den Verein Friedenskreis Halle e.V. erfahren Sie auf der Webseite: https://www.friedenskreis-halle.de/ (Zugriff am 05.09.2018).
​4Weitere interessante Informationen zu politischer Bildung mit Geflüchteten sind im Interview mit Marc Medebach von Empowered by Democracy nachzulesen: https://www.evangelische-akademien.de/wp-content/uploads/2018/08/Interview-Medebach-EbD_eNL2018.pdf ​.

 

Autorinnenteam:
Antonia Dautz, Projektkoordinatorin „Eigenständige Jugendpolitik im Innovationsfonds“
Dr. Helle Becker, Leiterin von Expertise & Kommunikation für Bildung e.V. / Geschäftsführerin von Transfer für Bildung e.V. / Kultur- und Erziehungswissenschaftlerin / Dozentin an der Hochschule Osnabrück
Farina Nagel, wissenschaftliche Referentin bei Transfer für Bildung e.V. / wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Didaktik der Sozialwissenschaften und schreibt ihre Promotion zur politischen Bildung

 

Den ungekürzten Artikel mit dem Titel „Das Handlungsfeld Politische Bildung im Innovationsfonds am Beispiel eines interaktiven Lernspiels zu Flucht und Asyl in Deutschland“ können Sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift FORUM Jugendhilfe, Heft 3/2018, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ, nachlesen, die Ende Oktober 2018 erscheint.

 

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