Zwei Bauwagen stehen auf dem Fährhafengelände in Cuxhaven. Sie fallen ins Auge, denn bei einem Bauwagen ist die Außenfassade mit einer fröhlich bunten Graffitizeichnung versehen. Justin​1, ein Jugendlicher aus dem Bauwagen-Projekt, ist der Künstler. Im Rahmen eines Angebotes des Projektes „Mit dem Bauwagen zum Ziel“ wurde Justin durch einen erfahrenen Sprayer an das zeichnerische Gestalten mit der Spraydose herangeführt. Er lernte schnell und probierte sich selbständig aus – heraus kam eine phantasievolle Bauwagen-Bemalung.
Dank des Bauwagen-Projektes geht Justin seit dem Sommer 2018 wieder regelmäßig in die Schule. Sein Leben hat sich stabilisiert.

Bei dem Vorhaben handelt es sich um ein niedrigschwelliges erlebnispädagogisches und handlungsorientiertes Projekt mit Fokus auf schulabsente Jugendliche in der Stadt und im Landkreis Cuxhaven. Da Schulabsentismus vielen „Straßenkarrieren“ vorausgeht, ist es wichtig, dass bereits frühzeitig auffällige Jugendliche unterstützt werden, damit Entkopplungsprozesse, die zu Wohnungslosigkeit führen können, rechtzeitig vermieden werden. Hier setzt das Projekt „Mit dem Bauwagen zum Ziel“ an. Die Schleuse e. V. ist der Träger.

Straßenjugend – kein ausschließlich großstädtisches Phänomen
Das Bauwagen-Projekt wird im Handlungsbereich Jugendsozialarbeit des Innovationsfonds, in welchem innovative Angebote für die Zielgruppe der wohnungs- und obdachlosen Jugendlichen erprobt werden, gefördert. Dass ein solches Projekt in der Hafenstadt Cuxhaven zu finden ist verwundert vermutlich, werden Straßenjugendliche doch eher mit Großstädten wie Berlin oder Köln in Verbindung gebracht. Allerdings verweisen großstädtische Streetwork-Träger immer wieder darauf, dass zahlreiche Jugendliche, die sie betreuen, nicht in der Großstadt aufgewachsen sind, sondern erst im Laufe ihres Straßenlebens von den Metropolen angezogen wurden.

Da es in kleineren Städten oder im ländlichen Raum in der Regel weniger jugendgerechte Angebote und öffentliche Begegnungsorte gibt, spielt sich das Leben und die Freizeit häufig im Privaten ab. Ein Abgleiten in die Wohnungs- oder Obdachlosigkeit geschieht oft unbemerkt. Viele Jugendliche können erst einmal bei Bekannten oder Freunden unterkommen.

Bauwagen – Symbol für Offenheit und Geborgenheit
Die Idee, das Projekt in den zwei Bauwagen umzusetzen, resultierte aus dem Gedanken, den Standort flexibel und in Abstimmung mit den Wünschen der Jugendlichen wechseln zu können. Die Mitarbeitenden des Bauwagen-Projektes sehen in der einfach ausgestatteten und „reizarmen“ Unterkunft einen geeigneten Ort für eine motivierende und ressourcenorientierte Arbeit mit den Jugendlichen. Darüber hinaus handelt es sich um einen Ort, der einen möglichst großen Kontrast zu Institutionen, wie beispielsweise „Schule“ oder „Behörden“ darstellt. Die Jugendlichen, zwischen 15 und 17 Jahren, die drei Monate lang täglich die Bauwagen besuchten erhielten darüber hinaus Gelegenheit, sich an der inneren und äußeren Gestaltung dieser aktiv zu beteiligen.
 
Mit vielseitigen Angeboten die Persönlichkeit der Jugendlichen stärken und die Lust am Lernen wecken
Im Frühsommer 2018 kamen ca. 5-6 schulabsente Jugendliche zum Bauwagen-Projekt. Im Laufe der Zeit erhöhte sich die Zahl auf 15 Jugendliche. Die einzige bindende Verpflichtung für die Jugendlichen bestand darin, am Tag mindestens zwei Stunden anwesend zu sein, wobei die tägliche Anwesenheitszeit im Laufe der Teilnahme stetig erhöht wurde.
Zu Beginn des Projektes mussten die betreuenden Personen und die Jugendlichen einen Zugang zueinander finden. Ein wichtiger Faktor hierbei war, dass die Jugendlichen selbst entscheiden konnten, wann und in welchem Rahmen sie über sich und ihre Problemlagen sprechen wollten. Dies geschah dann meist während der Ausübung gemeinsamer Aktivitäten. Insbesondere die gemeinschaftlichen Mahlzeiten waren hierfür wichtig. Solche familialen Rituale haben die meisten Jugendlichen in ihrem Elternhaus nie kennengelernt.
Neben dem Vertrauensaufbau, galt es die Gründe zu diagnostizieren, die zu dem Schulabsentismus bzw. zu den Problematiken in der Schule geführt haben. Diese sind vielseitig: sie reichen u. a. von Unterforderung oder Überforderung im Unterricht bis zur sozialen Ausgrenzung (und Mobbing) seitens der Mitschüler. Die meisten Jugendlichen verfügen darüber hinaus bereits über langjährige Jugendhilfe- und oder Therapieerfahrungen. Oftmals ist das Verhältnis zu den Eltern sehr gestört.

Da die Mädchen und Jungen schon über einen langen Zeitraum hinweg nicht mehr zur Schule gingen, fehlten wichtige Grundkenntnisse. Darüber hinaus war zu beobachten, dass es vielen Jugendlichen schwer fiel sich längere Zeit zu konzentrieren. Um hieran zu arbeiten, entwickelte die Gruppe im Laufe des Projektes einen Wochenplan, welcher aus kreativen, spielerischen, sportlichen und auch schulischen Elementen bestand. Die vielseitigen Angebote dienten dazu, dass die Jugendlichen: 1.) sich und ihre Fähigkeiten kennenlernen und dadurch an Selbstvertrauen gewinnen, 2.) lernen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren, 3.) ihren Platz in der Gruppe finden, 4.) ihr Sozialverhalten in der Gruppe ausloten und sich ggf. anpassen und 5.) Freude am Lernen entwickeln.

Derzeit gehen alle 15 Jugendlichen wieder in die Schule. Dem ging eine lange Vorlaufzeit voraus, in der für jeden Jugendlichen ein Schulplatz in einer zu ihm passenden Schule gefunden werden musste. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Jugendlichen nun im Schulalltag besser orientieren können und nicht in ihr altes Schulverweigerungsverhalten zurückfallen. Gerade der Anfang einer solchen schulischen Reintegrationen ist brüchig. Daher werden alle Jugendlichen ermutigt, falls sie wollen, auch nach dem Unterricht nachmittags zum Bauwagen zu kommen. Dies ist wichtig, denn die Betreuerinnen und Betreuer sind in den letzten Monaten für viele der Jugendlichen zu engen Vertrauenspersonen geworden. Mit ihnen können sie schwierige Situationen in der Schule besprechen und sich gemeinsam Handlungsstrategien überlegen.
 

Straßenjugendliche in Deutschland

In Deutschland leben nach Schätzungen des Deutschen Jugendinstituts 37.000 Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 Jahren, die wohnungslos- oder obdachlos sind. Der Großteil der Betroffenen ist volljährig, etwa ein Fünftel ist minderjährig. Nach Schätzungen des DJI lebt ein Drittel der betroffenen Jugendlichen ausschließlich auf der Straße und ist demnach obdachlos. Die Mehrheit ist wohnungslos und kommt vorübergehend bei Freunden, Bekannten oder in Übergangswohnheimen unter. 
Die Lebenssituation von Straßenjugendlichen ist durch vielfache Wechsel geprägt, bei denen sich nach zwischenzeitlichen „Unterkommen“ häufig wieder Zeit „ohne Dach über dem Kopf“ anschließen.
Diese und weitere Studienergebnisse des DJI lassen sich in der Broschüre „Straßenjugendliche in Deutschland“ nachlesen. 
 


 
 
1 Der Name des Teilnehmers wurde geändert.