„Es war die schönste Woche meines Lebens, weil ich mich seit langer Zeit nicht als Geflüchtete, sondern als Jugendliche gefühlt habe“ schwärmt Rama, Anfang zwanzig, ursprünglich aus Syrien. Sie schildert damit ihre Eindrücke, die sie während der Teilnahme am  internationalen Jugendcamp „Open Minds, Open Hearts: Europe of Youth“ gesammelt hat. Im Juni 2018 trafen sich Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Ländern zum Austausch in Prora, im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Initiiert wurde das Jugendevent vom Innovationsfondsprojekt „Jugend kommt an“ und seinem Träger dem Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern.

Das Projekt „Jugend kommt an“ wird seitens des Bundesjugendministeriums mit dem Innovationsfonds im Zeitraum von 2017 bis 2019 gefördert. Alle derzeit 38 Innovationsfondsprojekte in der aktuellen Förderperiode sind Teil der Jugendstrategie des Bundesjugendministeriums und tragen praxisbezogen und innovativ zur Stärkung der Eigenständigen Jugendpolitik bei. „Jugend kommt an“ agiert im Handlungsfeld Jugendverbandsarbeit, bei dem es einerseits thematisch um die Schaffung von Zugangswegen für junge Menschen mit Fluchterfahrung zur Jugendverbandsarbeit und andererseits um die Öffnung von Jugendverbänden und anderen Jugendorganisationen gegenüber jungen Geflüchteten geht.
 
„Jugend kommt an“ leistet großartige Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Dies gestaltet sich als  herausforderungsvoll, da sich die Zivilbevölkerung leider zu oft abweisend gegenüber Geflüchteten zeigt. Die ablehnende Haltung hat unterschiedliche Ursachen. Eine wesentliche Rolle spielt die zu geringe Erfahrung mit Migration, denn bis vor ein paar Jahren lebten nur wenige Geflüchtete sowie Migrantinnen und Migranten in Mecklenburg-Vorpommern. Hinzu kommen ein Mangel an Arbeitsplätzen und die daraus resultierenden Folgen. Dadurch haben viele  den Eindruck, von der Politik abgehängt worden zu sein. 

Das Projekt „Jugend kommt an“ hat drei zentrale Zielgruppen im Blick: 1.) Junge Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten, 2.) Jugendverbände und andere Organisationen mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit und 3.) Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus der Arbeit mit Geflüchteten sowie Politik und Verwaltung. Um Jugendliche mit Migrations- bzw. Fluchterfahrungen auf Angebote der Jugend- und Jugendverbandsarbeit in Mecklenburg-Vorpommern aufmerksam zu machen, entwickelt  „Jugend kommt an“ mehrsprachiges Informationsmaterial für verschiedene Medien. Weshalb ist es wichtig, dass junge Geflüchtete sowie Migrantinnen und Migranten davon erfahren, dass sie in Jugendverbänden willkommen sind? Jugendverbände und Jugendvereine bieten jungen Migrantinnen und Migranten die Möglichkeit Kontakt zu Einheimischen zu knüpfen. Dadurch finden sie einen Zugang  zu den Lebenswelten von anderen Gleichaltrigen. Sie können hier ihr Recht auf persönliche Entfaltung ausleben, werden motiviert, an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilzuhaben und lernen die Prinzipien der Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit kennen. Neben dem umfangreichen Informationsangebot, ermöglicht  „Jugend kommt an“ jungen Geflüchteten eine Teilnahme an entsprechenden Bildungs- und Informationsveranstaltungen und Jugendbegegnungen, wie z. B. „Ferry2Humanity“. Ein weiteres Projektziel ist die Förderung von Empowerment und  Selbstorganisation junger Geflüchteter, so fand Anfang Dezember 2018 ein  „Empowerment-Training für junge Geflüchtete“ mit der Initiative „Jugendliche ohne Grenzen“ in Wismar statt.
„Jugend kommt an“ leistet intensive Aufklärungsarbeit bei regional ansässigen Jugendverbänden und anderen Organisationen, in denen Jugendarbeit eine Rolle spielt. So werden im Projekt unter anderem  Weiterbildungen und Handreichungen für Haupt- und Ehrenamtliche aus der Jugend(verbands)arbeit angeboten. Darüber hinaus motiviert und unterstützt das Projekt die Jugendverbände, damit  Angebote entsprechend weiter- oder neuentwickelt werden. Auf diese Weise will der Landesjugendring M-V die verstärkte Öffnung   für junge Geflüchtete herbeiführen.
Dem Projekt ist es ein großes Anliegen, die Ergebnisse aus der unmittelbaren Projektarbeit zeitnah in die politische und verwaltungstechnische Ebene zu befördern und bei politischen Prozessen aktiv mitzuwirken. So beteiligt sich das Projekt beispielsweise an der Mitarbeit bei Integrationskonzepten auf Landes- und kommunaler Ebene und verfasst Stellungnahmen.
 
„Jugend kommt an“ schätzt die Existenz von Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten, und arbeitet  mit ihnen zusammen. In ihnen finden sich Migrantinnen und Migranten zusammen, um ihre Interessen zu vertreten oder Traditionen zu pflegen. Wie passen die genannten Organisationen und Inklusion  zusammen? „Jugend kommt an“ sieht darin keinen Widerspruch, eher im Gegenteil: Inklusion  setzt voraus, dass sich Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete in Deutschland wohlfühlen. Dieses Gefühl kann durch Migrantenselbstorganisationen befördert werden – denn nur wer sich seiner eigenen Identität bewusst ist, akzeptiert auch andere Identitäten. Die Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten sind  dabei keine geschlossenen Parallelgesellschaften. Ihre Existenz führt vielmehr dazu, dass die Migrantinnen und Migranten für andere Akteure der Gesellschaft ansprechbar sind und dass Kontakte, Kooperationen und Austausch entstehen. Es gibt Migrantenselbstorganisationen, die schon sehr lange bestehen und solche, die erst in den letzten Jahren gegründet wurden. Zu letzteren zählt „Miteinander Ma`an e. V.“ in Schwerin, wo auch Rama aktiv ist. Im Sinne des Vereinsmottos „Miteinander“ (arabisch: Ma’an) sind hier auch (weiße) Deutsche mit dabei.

Seit der Teilnahme bei der internationalen Jugendbegegnung„Ferry2Humanity“ im November 2017 besucht  Rama öfters Veranstaltungen von „Jugend kommt an“. Ramas Statement zur Existenz solcher Projekte lautet wie folgt: „Ich freue mich, dass es solche Projekte gibt, die sich für jugendliche Themen interessieren. Wir Jugendliche können kreativ sein, und viele Ideen sammeln und versuchen, diese umzusetzen. Ich freue mich auch, dass ich dabei sein durfte, erstens als junge Frau und zweitens als Geflüchtete.“ Trotz positivem Feedback, gibt Rama zu bedenken, dass das Projektleben leider nicht die gesellschaftliche Realität widerspiegelt. Es bedarf einer gesamtgesellschaftlichen Öffnung! Diese kann auf vielen Wegen gefördert werden:  z. B. durch Weitergabe von Informationen über andere Länder und Kulturen seitens der Lehrkräfte in der Schule oder aber auch in Rahmen von Projekten wie „Jugend kommt an“, welches gemeinsam mit den Jugendverbänden Veranstaltungen zur allgemeinen Aufklärung der Zivilgesellschaft organisiert.

Darüber hinaus fordert „Jugend kommt an“ von Politik, die Bereitstellung einer höheren finanziellen Summe für die Jugendverbandsarbeit, um mehr hauptamtliche Stellen schaffen zu können, damit sich nachhaltig um die Inklusion von jungen Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte in die Jugendverbandsarbeit gekümmert werden kann. Darüber hinaus, muss dafür Sorge getragen werden, dass alle jungen Menschen  bundesweit gleiche Chancen haben.

Den Projektverantwortlichen von „Jugend kommt an“ ist durchaus bewusst, dass transkulturelle Öffnung und Bildung ein lang andauernder Prozess ist, der Geduld erfordert. Was hat „Jugend kommt an“ bis jetzt erreicht? Das Projekt konnte bereits viele junge Geflüchtete mit den Formaten der Jugend(verbands)arbeit und der außerschulischen Bildung vertraut machen. Dabei wurde ihnen eine Stimme gegeben, denn Beteiligung und Interessenvertretung sind zentrale Elemente der Jugendverbandsarbeit und dementsprechend auch bei Projekten wie „Ferry2Humanity“ oder „Open Minds – Open Hearts“. Darüber hinaus konnten Jugendverbände motiviert und unterstützt werden, um sich noch stärker der Einbindung junger Geflüchteter zu widmen. Es entstanden neue Kontakte und Angebote, sodass mehr geflüchtete Jugendliche erreicht werden konnten.
 
Nun steht die letzte Projektphase an, die bis September kommenden Jahres andauert. Es wird weitere Workshops und Veranstaltungen für Jugendliche  sowie für Fachkräfte und Ehrenamtliche geben, die nächsten informativen Handreichungen  sind in Planung und das Koordinieren und Vernetzen zwischen jungen Geflüchteten und der Jugend- und Jugendverbandsarbeit geht in die nächste Runde. Gespannt darf man sein, auf die Veröffentlichung einer digitalen Beteiligungslandkarte, welche in Zusammenarbeit mit dem  Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern erstellt werden soll. Diese kann Heranwachsende dabei unterstützen, Informationen und Beteiligungsangebote zu finden. Dabei geht es etwa um Möglichkeiten, wo man sich engagieren kann oder auch die Chance, sich mit eigenen Interessen und Ideen in der Gesellschaft einzubringen.